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Bundesverband Initiative 50Plus – Sprachrohr für die Generation Ü-50

Der Bundesverband Initiative 50Plus e.V. ist eine unabhängige Initiative, die sich durch unterschiedliche Projekte für die Interessen der 34 Millionen über 50-Jährigen in Deutschland stark macht. Die Idee für einen Bundesverband reifte zu Beginn des neuen Jahrtausends. 2011 wurde der Bundesverband Initiative 50Plus in seiner heutigen Form festgeschrieben. Die Grundstruktur entspricht der vieler anderer Verbände: Es gibt einen gewählten Vorstand, sowie die Landesverbände.

Der Bundesverband Initiative 50Plus e.V. lenkt die Aufmerksamkeit von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft auf Bedürfnisse sowie Potenziale der Generation 50 Plus. Er befasst sich mit zentralen Fragestellungen rund um die Generation 50 Plus in der Gesellschaft und verschafft dieser mit seiner Arbeit Gehör und Bedeutung.

Gerd Schierenbeck vom Bundesverband Initiative 50Plus

Als pensionierter Pilot und Stabsoffizier der Bundeswehr stieg der 1953 in Bremen geborene Gerd Schierenbeck 1996 als Dozent in die Akademie Überlingen ein. Hier implementierte er schon 2002 ein Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001 und war bis Ende 2015 der Qualitätsmanagementverantwortliche der Unternehmensgruppe.

Im Alter von 62 hat sich Gerd Schierenbeck beruflich noch einmal völlig neu orientiert und steht jetzt der Jobnet.AG mit seinem „Erfahrungswissen“, seiner Energie und Innovationskraft als Produktmanager zur Seite.

Ehrenamtlich engagiert er sich seit fünf Jahren als Landesvorsitzender Niedersachsens beim Bundesverband Initiative 50Plus.

Der Treppenlift-Ratgeber.de sprach mit dem Landesvorsitzenden des Bundesverbands Initiative 50Plus e.V. zu seiner Arbeit für den Verein und zu gesellschaftlichen Herausforderungen in Bezug auf die Generation 50 Plus.

Treppenlift-Ratgeber: Was genau sind die Aufgaben des Bundesverbands Initiative 50Plus e.V. und welche Ziele verfolgt der Verein?

Gerd Schierenbeck: „… wenn sieben Menschen über 50 sich treffen, gründen sie einen Verein.“ Nein, im Ernst: Die Bundesrepublik steht vor einem gigantischen gesellschaftlichen Umbruch, beziehungsweise haben wir die ersten Schritte - bewusst oder unbewusst - schon gemacht. Rund 34 Millionen Menschen sind aktuell 50 Jahre und älter. In wenigen Jahren schon werden die Jüngeren in der Minderheit sein. Die Zuwanderung aus dem Jahr 2015, knapp eine Millionen Menschen, wird den Trend kaum aufhalten. Zahlenspiele? Mitnichten, meinen wir.

Der demografische Wandel wird gravierende Auswirkungen haben, auf das Gesundheitssystem, die gesetzliche Rentenversicherung, auf den Wohnungsmarkt und natürlich auch im Bereich der Mobilität. Wir erleben aktuell schon Städte bzw. Gemeinden, die „aussterben“ könnten. Allmählich zeigen sich auch auf dem Arbeitsmarkt die Verwerfungen.

Industriekonzerne wie Handwerksbetriebe beklagen schon länger, dass junge Arbeitskräfte fehlen. Nur wenigen Menschen ist bewusst, dass wir bis zum Jahre 2020, und das sind nur noch 4 Jahre, ca. 2,5 Millionen Arbeitskräfte durch Zurruhesetzung auf dem Arbeitsmarkt verlieren werden.

Modelle aber, wie ältere Arbeitnehmer länger in den Betrieben beschäftigt werden könnten, gibt es nur wenige. Die politische Diskussion beschränkt sich leider auf das Renteneintrittsalter und geht damit an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei: Immer mehr Arbeitnehmer wollen gar nicht mit 65-67 Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden, immer mehr können es sich auch gar nicht leisten. Das belegt auch die erst jüngst veröffentlichte Zahl, dass es ca. 1 Million Ältere gibt, die einem 450 €-Job nachgehen.

Rentenalter gleich Krankheit und Siechtum, diese Gleichung geht schon lange nicht mehr auf. Insofern muss man sich darüber klar werden, dass wir es heute mit Generationen zu tun haben, die ihr Schicksal selbst gestalten. Diesen Willen zu Selbständigkeit werden Menschen über 50 bestimmt nicht ablegen. Im Gegenteil, wir könnten uns vorstellen, dass wir hier sogar eine Bewegung erleben, die die Power hat, nach „Jugendkultur“ einen neuen Populär-Kultur-Begriff zu definieren. Dieser Vielfalt wollen wir mit dem Bundesverband Initiative 50Plus e. V. eine Lobby bieten. Der demografische Wandel ist ein weites und dynamisches Feld, immerhin haben wir zum Beispiel für den Arbeitsmarkt konkrete innovative Modelle entwickelt. Weitere sind in Arbeit.

Treppenlift-Ratgeber: Zum Bundesverband Initiative 50Plus gehören verschiedene Initiativen, wie:

  • die Initiative Arbeit 50Plus,
  • die Initiative Verbraucherempfehlung 50Plus und
  • die Initiative Generationen Hilfe 50Plus.

Können Sie uns dies etwas genauer erläutern?

Gerd Schierenbeck: In unseren Initiativen drückt sich das Bemühen aus, das komplexe Phänomen des demografischen Wandels in seinen wesentlichen Bestandteilen zu erfassen und unsere Arbeit zu fokussieren. Also: Das ist natürlich ausbaufähig.

Die Initiative Arbeit 50Plus, auf die Sie ansprechen, hat eine Vorreiterrolle. Ich muss sagen, leider, weil die meisten Unternehmen mitunter Unsummen in die dann oft auch noch vergebliche Nachwuchssuche stecken, sich um die erfahrenen älteren Mitarbeiter aber praktisch nicht kümmern. Warum? Weil Mitarbeiter 50Plus weniger leistungsfähig sind, weniger lernfähig und weniger motiviert? Sind sie das – dann fragen sie die Mitarbeiter doch mal, warum.

Im Umkehrschluss ist der Nachwuchs im Betrieb ja auch nicht „pflegeleicht“. Wem nutzt es, junge, dynamische Kräfte zu haben, die sich im Betrieb und seinen Abläufen nicht auskennen, die keine Erfahrungen haben? Dort setzt die Initiative Arbeit 50Plus an. Wir haben Modelle entwickelt, wie man älteren Mitarbeitern die Motivation zurückgeben kann, wie man Ältere und Jüngere zu einem Team zusammenschweißt.

Die Verbraucherempfehlung 50Plus ist sozusagen unser „Ratgeber“. Sie folgt der Erkenntnis, dass Menschen über 50, 60, 70 Jahren von Produkten und Dienstleistungen erwarten, dass sie auch ganz konkreten praktischen Aufgabenstellungen Stand halten. Vielen Unternehmen ist das aber gar nicht klar, schlimmer noch: Sie entwickeln womöglich sogar an ihrer größten Käufergruppe vorbei. Die im Übrigen oft auch die kaufkräftigste ist.

Wir haben hier die „Verbraucherempfehlung“ entwickelt. Sie gibt zum einen Kunden ab 50 eine Orientierung. Wir wollen aber auch Unternehmen motivieren, sich verstärkt auf die spezifischen Bedürfnisse ihrer Kunden einzustellen. Einer Verbraucherempfehlung geht eine eingehende Prüfung durch die 50Plus Services GmbH voraus. Wir haben hier eine Kriterien-Liste in Zusammenarbeit mit fachkundigen Experten erarbeitet, die übrigens stets weiter entwickelt wird.

Die Initiative Not-Hilfe 50Plus – Generationenhilfe versteht sich als Nothilfeprogramm für den Einzelfall. Altersarmut ist schon jetzt ein Problem, der Bundesverband befürchtet jedoch, dass sich dies noch drastisch verschärfen wird. Wir bieten hier ganz konkrete und stetig weiter entwickelte Maßnahmen, um Menschen in schier ausweglosen Situationen zu helfen.

Treppenlift-Ratgeber: Wie sieht Ihre Arbeit innerhalb des Verbands aus und warum ist Ihnen diese persönlich besonders wichtig?

Gerd Schierenbeck: Ich habe immer gedacht: Irgendwann sage ich meinen Kollegen „Tschö. Ich bin dann mal im Ruhestand.“ Das war jetzt ein Scherz – aber im Kern ein bisschen auch nicht. Jeder von uns über 50 stößt unweigerlich irgendwann auf die Frage: Was kommt jetzt noch? Es ist ein Privileg, Vorsitzender des Landesverbandes Niedersachsen zu sein, weil ich damit die Chance habe, mich tagtäglich mit dieser Frage zu beschäftigen. Mit jungen Menschen, mit älteren, mit Menschen auf der Straße, mit Wissenschaftlern und Politikern.

Warum ist das eine Chance? Weil sehr schnell die Erkenntnis reift: Es bleibt spannend. Das Leben wird vielleicht sogar immer aufregender und es unterliegt einer ständigen Veränderung – vielleicht das Geheimnis eines zufriedenen Lebens im Alter – veränderungsbereit zu bleiben! Und ich kann es weiter gestalten. Das kann man im Übrigen auch, wenn man keine Funktion im Bundesverband Initiative 50Plus bekleidet. Wie sieht meine Arbeit also aus? Ich würde sagen: ziemlich cool und ich schöpfe aus ihr viel „Zufriedenheit“.

Treppenlift-Ratgeber: Wo sehen Sie zentrale Herausforderungen in Bezug auf die Generation 50 Plus für unsere Gesellschaft? Wo besteht aus Ihrer Sicht aktuell und auch langfristig besonders großer Handlungsbedarf?

Gerd Schierenbeck: Wir treiben die Initiative Arbeit 50Plus mit großer Energie voran, weil dies immer wichtiger, drängender wird. Das Thema Altersvorsorge bleibt eines der wichtigsten Themen, gerade weil die Politik sich immer weiter aus der gesetzlichen Altersvorsorge zurückzieht. Dabei geht es gerade nicht um Rentenerhöhungen sondern zum Beispiel darum, dass der Gesetzgeber Regelwerke erstellt, die private Altersvorsorge zukunftsfester macht.

Gesundheit, Medizin bleiben wichtige Themenfelder, das sind sie ja auch für jüngere Menschen. Und wir wollen weiter daran mitwirken, das inzwischen ja auch schon betagte Ideal „Jugend“ durch ein mindestens genauso aufregendes aber passenderes abzulösen.

Treppenlift-Ratgeber: Wie kann die Gesellschaft künftig besser vom beruflichen und persönlichen Erfahrungsschatz der Generation 50 Plus profitieren? Was kann jeder einzelne von uns hierfür tun?

Gerd Schierenbeck: Jetzt geht’s ans Eingemachte. Im Ernst: Aktuell versuchen einige Medien, einen Generationenkonflikt zu provozieren. Bei der Rente etwa: „Ihr Alten macht Euch noch fette Jahre und lasst uns Jungen nichts mehr übrig“. Das liest sich poppig, aber die Luft ist auch schnell raus. Ich erlebe diesen Generationenkonflikt im privaten so nicht. Auf dem Arbeitsmarkt habe ich inzwischen den Eindruck gewonnen, dass die Stärken der jüngeren wie die der älteren Generationen im Kern oft nicht in ihrer Unterschiedlichkeit wertgeschätzt werden.

Ich will es so ausdrücken: Wenn man den Mut zur Veränderung mit den Erfahrungswerten verbindet, kann man erstaunliche Dinge entwickeln. Wir haben Strategien erarbeitet, wie man diese Kräfte aus dem Dialog heraus für alle Seiten gewinnbringend mobilisieren kann.

Diesen Kräften in Unternehmen den Raum zu eröffnen erfordert aber, dass man anderen Einflüssen, vielleicht dem „Shareholder Value“ vielleicht dem Konkurrenzdruck aus Billiglohnländern auch widerstehen kann und will. Die Chancen dafür sind gut, sie müssen aber auch erarbeitet werden. Ich fürchte, viel Zeit haben wir nicht mehr. Nutzen wir die Chancen nicht, werden wir womöglich von der Globalisierung oder von weiteren technischen Revolutionen überrollt.

Treppenlift-Ratgeber: Herr Schierenbeck, vielen Dank für dieses aufschlussreiche Interview!

Die Seite des Bundesverbands Initiative 50Plus mit umfangreichen Informationen zu dessen Arbeit finden Sie unter:

www.bvi50plus.de


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